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Handball-Bundesliga
GWD-Minden : SG BBM Bietigheim

Fotos: Bernd Horstmann



Abwehr spielt man mit Herz – und das fehlt GWD
Minden verliert daheim nach peinlicher Vorstellung gegen Bietigheim mit 35:37
Pfiffe und Pfui-Rufe

Von Volker Krusche

Als Herbert Lübking, frischgebackener 75er, in der Halbzeitpause gemeinsam mit Eishockey-Legende Erich Kühnhackl zum Interview aufs Parkett der Kampa-Halle schritt, da sah man ihm die Überraschung des 17:21-Zwischenstandes von GWD Minden gegen die SG BBM Bietigheim deutlich an. Oder war es Vorahnung, denn nach einer sensationell schwachen Abwehrleistung kassierte der Zweitliga-Topfavorit beim 35:37 die erste Heimblamage der Saison.

Mannschaft und Trainer boten über 60 Minuten eine erbärmliche Vorstellung, die die 1950 Fans lautstark mit Pfiffen und Pfui-Rufen quittierten. Und das völlig zu recht. GWD Minden schienen die spielfreien Tage mit der kurzen Ausruhphase überhaupt nicht gut getan haben, denn in der Abwehr knüpfte man nahtlos an die Versagerleistungen der zurückliegenden, bitteren Spielzeit mit dem verpassten Aufstieg an. Einzelfall oder Richtung weisender Hinweis? Auf jeden Fall dürfte man mit dieser Vorstellung viel Respekt bei der Gegnerschaft verspielt haben. Die hat gesehen, dass Minden zu packen ist. Und sie hat gesehen, wie! Von der ersten Minute ab fehlte das, was gerade die einzige Vollprofitruppe der Liga Spieltag für Spieltag abzurufen hat: Einsatz, Einstellung, Unterstützung – kurzum alles, was ein funktionierendes Abwehrspiel ausmacht. „Deckung ist zu 90 Prozent Herz und nur zu zehn Prozent Kopf“, sagt selbst Ulf Schefvert. Der wiederum musste sich den Vorwurf gefallen lassen, gerade in der zweiten Hälfte bis auf einer Rochade in seiner 6:0-Abwehr nichts probiert zu haben, was den Gegner aus dem Konzept gebracht hätte. Kein Mut zur offensiveren 5:1-Deckung, kein Mut zu einer Manndeckung, mit der man die einfache Spielweise der bislang auswärts sieglosen Bietigheimer hätte unterbinden können. Das hätte wahrscheinlich schon gereicht, um auch diese Partie erfolgreich über die Ziellinie zu bringen.

Glück hat zudem immer nur der Tüchtige. Und der hieß an Allerheiligen mit Sicherheit nicht GWD. Die glücklichen Momente hatte sich Bietigheim redlich verdient. Sowohl die punktgenauen Würfe, die sämtlich – und in nicht gerade kleiner Zahl – vom Innenpfosten ins Netz rutschten und eben nicht wieder raus sprangen. Oder die vielen gehaltenen Bälle von Anders Persson – insbesondere im zweiten Abschnitt -, die in hoher Zahl jedoch wieder bei den Süddeutschen landeten. Doch wie gesagt, es war angesichts der überzeugenden Vorstellung des gesamten Kollektivs, der Dynamik und Emotion, die geschürt wurden, absolut verdient. Die Handballer von Trainer Jochen Zum zogen mit den überragenden Rückraumspielern Robin Haller (9) und Nico Kibat (7/3) ein schnelles und variables Angriffsspiel auf. Einfacher und wirkungsvoller Handball. Immer wieder wurde der Ball zudem an die Kreisläufer Patrick Rentschler (7) und Christian Heuberger (2) durchgesteckt, die neben ihren Toren auch ein halbes Dutzend Siebenmeter heraus holten und durch die Bank alle Mindener Spieler, die jeglichen Körperkontakt zu vermeiden versuchten, in der Abwehr wie Statisten aussehen ließen. Und wenn dann noch Andreas Blodig zum Kreis auflöste oder die Außen einliefen, ja dann stand GWD gänzlich im Dunkeln. Es war eine peinliche Vorstellung, die einen schweren Rückschlag im Bemühen um die Rückkehr in die 1. Liga darstellte.

Bis zum 13:13 lief es bei wechselnden Führungen aber wenigstens noch in der Offensive der Hausherren. Dann aber nutzte Bietigheim dank seiner Wurfeffektivität von 75 Prozent im ersten Abschnitt Fehler der Mindener, enteilte auf 15:20 und ging mit satter Führung in die Pause. Die wurde nach Wiederbeginn sofort zum 23:17 aufgestockt. Minden wirkte hilflos, konzeptlos. Ideenlos, regungslos. Einzig Dalibor Doder stemmte sich gegen das Debakel und fand in der Folge in Anders Persson (13/2 Paraden im zweiten Abschnitt) und Nenad Bilbija (10), der vor der Pause durch schwache Würfe aufgefallen war, Verbündete. Über den Rest des Teams sollte aber besser das Mäntelchen es Schweigens gedeckt werden. Bis zum 34:28 (52.) hatte der Gast die Fäden sicher in der Hand, dann begann er aber zu wanken. GWD war sieben Minuten vor Schluss beim 30:34 wieder im Bereich, um hoffen zu können, brachte sich in der Schlussphase dann aber durch neuerliche Fehler selbst um jede Chance auf Erfolg. Einer, der aber verdient an den Underdog auf Bietigheim ging.

 

 

Stimmen zum Spiel:

Ulf Schefvert: „Heute hat die bessere Mannschaft gewonnen. Wenn man in eigener Halle 35 Tore wirft, muss das einfach zum Sieg reichen. Uns hat heute in der Abwehr die Dynamik gefehlt, auch die Zusammenarbeit. Wir haben heute ganz einfach erbärmlich schlecht gespielt. Eigentlich hat im Vorfeld alles gepasst, jetzt müssen wir nach den Ursachen suchen."

Jochen Zürn: „Es war heute für uns harte Arbeit. Wir haben in der gesamten Breite ein emotionales und körperbetontes Spiel abgeliefert und dabei immer die Ruhe behalten. Wir wollten Minden dazu zwingen, dass sie sich die Tore erarbeiten müssen und das ist uns gut gelungen."

 

GWD-Telegramm

GWD Minden – SG BBM Bietigheim 35:37 (17:21)

GWD Minden: Vortmann (5 Paraden), Persson (ab 21. - 15/2 P.); Andersson (6), Oevermann, Bartsch (2), Auerswald (2), Steinert, Helmdach (n.e.), Südmeier, Schmidt (4/2), Svitlica (2), Doder (7), Klesniks (2), Bilbija (10)

SG BBM Bietigheim: Hacko (9/1 P.), Welz (18.-30. – 6/1 P.); Haller (9), Rentschler (7), Kibat (7/3), Knierim, Heuberger (2), Schäfer (5), Coors (1), Blodig (3/1), Hinz, Freudl (1), Zieker (2), Schulz

Schiedsrichter: Martin Thöne und Marijo Zupanovic

Zuschauer: 1.950

Torfolge: 1:0, 1:1, 2:1, 2:2, 3:2, 3:3, 4:3 (5.), 4:4, 5:4, 5:5, 6:5, 6:6, 7:6, 7:67, 8:7, 8:8, 9:8, 9:9, 10:9 (17.), 10:11 (18.), 11:11, 11:12, 12:12, 12:13, 13:13 (21.), 13:15, 14:15, 14:17 (24.), 15:17, 15:20 (28.), 16:20, 16:21, 17:21 – 17:223, 18:23, 18:24, 19:24, 19:26 (39.), 20:26, 20:27, 21:27, 21:28, 22:28, 22:29, 24:29 (45.), 24:30, 25:30, 25:31, 26:31, 26:32, 27:32, 27:33, 28:33, 28:34, 30:34 (53.), 30:35, 31:35, 31:36, 33:36 (58.), 33:37, 35:37
Siebenmeter: 4/2 : 6/3 (Schmidt scheitert an Hacko und Welz – Kibat und Blodig scheitern an Persson)

Strafminuten: 6 : 14 - Svitliva (11.), Andersson (17.), Schmidt (49.) - Heuberger (10., 14., 58.), Zieker (21.), Kibat (30.), Coors (42., 52.).
Disqualifikation: Christian Heuberger nach der dritten Zeitstrafe (58.)



02.11.2011